Haltung und Prozess
Die künstlerische Praxis von Victoria Wittmer bewegt sich im Spannungsfeld von Wahrnehmung, Struktur und Bewegung. Die Natur interessiert sie nicht als Motiv, sondern als System – als Gefüge aus Gesetzmäßigkeiten, Rhythmen und Kräften. Gezeiten, Strömungen und wiederkehrende Ordnungen stehen exemplarisch für diese Dynamiken. In ihrer Verlässlichkeit liegt ein Fundament, aus dem kreative Prozesse entstehen.
Im Zentrum steht nicht das Abbild, sondern das Wirken. Wie entstehen Formen? Wie verändern sie sich? Welche Kräfte strukturieren Raum? Ihre Arbeiten untersuchen Übergänge – zwischen Stabilität und Bewegung, zwischen Setzung und Offenheit. Sie entstehen aus dem Interesse an Ordnungen, die sich verschieben, überlagern und neu konfigurieren.
Der Prozess ist wesentlich. Zufall und Entscheidung stehen nicht im Widerspruch, sondern bedingen einander. Zufall versteht Wittmer nicht als Chaos, sondern als das Auftreten von Gesetzmäßigkeiten in neuen Konstellationen. Innerhalb dieses offenen Feldes entstehen Schichtung, Überlagerung und Verdichtung.
Sehen begreift sie nicht ausschließlich als visuellen Vorgang, sondern als das Erfassen von Beziehungen, Spannungen und Übergängen. In der Arbeit mit Licht, Fläche und Tiefe wird Raum erfahrbar – nicht als Illusion, sondern als Zustand. Die Membran zwischen Innen und Außen, Oberfläche und Tiefe fungiert dabei als Denkfigur: Sie trennt nicht absolut, verschmilzt jedoch auch nicht alles. In diesem Zwischenraum entsteht Bedeutung – leise, aber wirksam.
Neben den bildnerischen Arbeiten entstehen Texte, Gedichte und gedruckte Arbeiten. Bild und Sprache stehen nicht in Konkurrenz, sondern untersuchen denselben Raum. Beide erscheinen leise – nicht als Stimme, sondern als sichtbare Form. Während das Bild Übergänge sichtbar macht, verdichtet Sprache Wahrnehmung in Rhythmus, Struktur und Stille. Im Gedruckten erhält das Wort Materialität: Es wird Objekt, Fläche, Spur.
Victoria Wittmer, geboren 1984 in Meran (Italien), lebt und arbeitet in Innsbruck. Ihr beruflicher Hintergrund in der Gesundheits- und Krankenpflege prägte ihr Interesse an Anatomie, Wissenschaft und präziser Wahrnehmung. In ihrer künstlerischen Praxis verbindet sie analytisches Denken mit intuitivem Arbeiten.
Pradler Magnolien
Leiser Takt
Zwischen Ordnung und Bewegung
hält ein leiser Takt die Zeit,
Linien kommen, Linien gehen,
nichts bleibt ganz, doch trägt noch weit.
Was wir sehen, will nicht bleiben,
nur berühren, nur bestehn.
Ausdruck wird, was wir nicht halten,
wenn wir lernen, mitzugehn.
Victoria Wittmer
Texte
